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  PRESSESTIMMEN  

 
Aus der Seelentiefe deutscher Provinz:
Iain Diltheys beeindruckender Film "Das Verlangen"
Ein Pfarrhaus in Schwaben, unweit von Heilbronn. Lena, die Pfarrersfrau, macht ihrem Ehemann das Frühstück. Sie schneidet ihm die Wurstbrote vor, schmiert ihm ein Käsebrot für unterwegs, hilft ihm in seinen Mantel und reicht ihm die Ledertasche. Ein Mädchen aus dem Dorf ist ermordet worden, da hat der Pfarrer zu tun. Aber auch der schrottreife alte Opel, den er fährt, will gepflegt sein. Lena überwacht die Arbeit des Mechanikers, der ein ganz anderer Mann ist als ihr vierschrötiger Gatte, dunkel, blaß, mit weichen, rätselhaften Zügen. Später, beim Gastmahl für das tote Mädchen, sieht sie ihn draußen vor dem Wirtshaus unter einem Baum sitzen, und er bringt sie nach Hause. Und so fängt alles an.

Wenn dieser Film aus Frankreich käme, würde man vermutlich staunen über ein kleines Stück radikales Kino, eine Geschichte in der Tradition von, vielleicht, Bernanos und Maurice Pialat. Weil er aber aus Deutschland kommt, gab es erst einmal Gemecker über seine Düsternis, seine Kargheit, seine Stille, die fehlenden Erklärungen, die starren Einstellungen, die spärliche Musik. Das war vor zwei Jahren, als "Das Verlangen" beim Filmfestival von Locarno den Goldenen Leoparden gewann, den ersten in jener Reihe von Festival- und Industriepreisen für deutsche Filme, die im Februar auf der Berlinale durch den Goldenen Bären für Fatih Akins "Gegen die Wand" gekrönt wurde.

Wofür bekam der Film den Leoparden? Vielleicht kommt man dem Geheimnis dieser Auszeichnung nahe, wenn man von der Schauspielerin Susanne-Marie Wrage spricht, die die Lena verkörpert, von der Lesbarkeit und zugleich Verschlossenheit ihres ruhigen, schönen, wie von weither in sich hineinlauschenden Gesichts, von der vorsichtigen Demut ihres Körpers, der die Unterwürfigkeit selbst ist, bis er anfängt, sich den Ansprüchen seiner Umgebung zu verweigern und seinen eigenen Impulsen nachzugeben. Es gibt eine Szene in "Das Verlangen", in der Lena sich vor dem Automechaniker, ihrem Geliebten, auszieht, um ein Kleid anzuprobieren, das er ihr geschenkt hat, und so, wie Susanne-Marie Wrage das spielt, hat man es tatsächlich noch nie gesehen - dieses Zögern vor der eigenen Entblößung, der völligen Schutzlosigkeit; dann der Ruck, mit dem die Scham überwunden, die Konvention gebrochen wird; schließlich der leuchtende Stolz einer Frau, die nichts mehr hat als ihren gealterten, von der Zeit schon gezeichneten Leib, um ihr Begehren auszudrücken, das so spät und unvermutet geweckt worden ist. Es geht um alles in "Das Verlangen", um Leben und Tod vom ersten Augenblick an, und wenn am Ende Blut fließt und ein Mensch stirbt in der Pfarrersküche, dann hat das nichts von der ausgeglichenen kriminalistischen Handelsbilanz des "Tatorts". Es ist eine Tat, die Widerspruch einlegt gegen die Ordnung der Welt, gegen das Dorf und seine Bewohner, gegen die Ehe und ihren Triebhaushalt, gegen den Pfarrer und seine Heuchelei. Die Antwort der Außenwelt wird nicht auf sich warten lassen, aber für den Moment, den langen Augenblick dieses Films, hat Lena die Leinwand für sich allein wie alle großen Heldinnen des Kinos, die Göttinnen, die Rächerinnen, die Königinnen der Nacht.

Iain Dilthey, der Regisseur, ist aus Schottland nach Deutschland gekommen, wo er Chemie und Pharmazie studierte, bevor er an die Ludwigsburger Filmakademie ging. "Das Verlangen", seine Examensarbeit in Ludwigsburg, ist zugleich der Abschluß einer Trilogie, die mit den mittellangen Filmen "Sommer auf Horlachen" (1999) und "Ich werde dich auf Händen tragen" (2000) begonnen hat. Auch darin ging es um Frauen, die für ihr Glück kämpfen und dabei ins Unglück gehen, um das Rütteln an den Gitterstäben der Verhältnisse, in denen jeder und jede einzelne gefangen ist. Seine Filme seien "ein langsames Weitergehen", hat Dilthey in Locarno gesagt. Schon an der Formulierung merkt man, daß es ihm an Selbstbewußtsein nicht mangelt. Dilthey weiß genau, was er tut, und dieses Wissen spricht aus jeder Einstellung seines Films, der nur der äußeren Form nach ein Kinodebüt, in seiner inneren Logik und Genauigkeit aber das Werk eines Könners ist.

Diese Gesichter, diese Straßen, dieses Licht, diese langsamen Bewegungen und Dialogsätze - wo hat man das alles schon einmal gesehen, gehört? Damals, vor dreißig, fünfunddreißig Jahren, in den ersten Filmen von Wenders, Schlöndorff, Herzog und Fassbinder. Dilthey selbst nennt Chabrol als Vorbild, aber sein Film beweist, daß es unter den digitalen Mätzchen und Komödienfaxen eine tiefe Schicht alltäglicher Wahrheit gibt, einen Fundus, auf den das deutsche Kino immer wieder zurückgreifen kann. Tief unten und tief innen, in der Provinz des Verlangens, wo jede Geschichte ans Herz der Dinge rührt.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Kilb , 27. Mai 2004



Stille Sehnsucht
Eigentlich ist dieser Film ein Krimi. Oder ein Lebensdrama. Oder ein Gefühl. Ein Gefühl der Stagnation, der lähmenden Stille und der Unausweichlichkeit, das leise vom Zuschauer Besitz nimmt. Denn das Kaff, in dem Lena lebt, könnte überall sein. Lena auch. Als Pfarrersfrau spielt sie Orgel in der Kirche und versorgt ihre tyrannische, bettlägerige Schwägerin. Stumm lässt sie Demütigungen über sich ergehen. Das Hier und Jetzt zählt. Jeder Tag ist wie der andere. Leblos, automatisch. Bis der Mechaniker Paul in ihr Leben tritt und ihr Verlangen erwacht. Lena ahnt, dass ihr Glück mit einem grausamen Geheimnis verbunden ist. Doch sie ist bereit, den Preis dafür zu zahlen.
Der Film ist der letzte Teil der "Trilogie der Sehnsucht", die der Ludwigsburger Filmakademie-Absolvent Iain Dilthey mit der Drehbuchautorin Silke Parzich gedreht hat. Zugleich ist es sein Abschluss-Film, der 2002 in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde. Zu Recht, denn er schwimmt gegen die Strömung. Da ist keine Bilderflut, nur wenig Dialog, noch weniger Musik und gar nichts Stilisiertes. Stringent und konsequent gibt Dilthey der Stille Raum und setzt so, schmerzhaft und befreiend zugleich, einen Kontrapunkt zu zeitgenössischen Seh- und Hörgewohnheiten.
Stuttgarter Nachrichten, 13.5.04



Die Frau des Pfarrers, geknechtet
Mit solchen Federn konnte sich lange keine deutsche Filmhochschule mehr schmücken. Eine Diplomarbeit von der Akademie für Kinonachwuchs in Ludwigsburg gewann vor zwei Jahren den Hauptpreis des Festivals in Locarno und verbuchte damit einen Erfolg, auf den die deutsche Spielfilmszene 16 zähe Jahre warten musste. Nun kommt "Das Verlangen" von Iain Dilthey geraume Zeit vor der Fernsehausstrahlung in die Kinos, zwar mit einer Hand voll Kopien nur, aber immerhin. Ergibt sich doch so die Gelegenheit, die erzählerische und optische Wuchtigkeit des Films auf Leinwand zu erleben. Wie schon in früheren Arbeiten - "Das Verlangen" markiert den Abschluss einer Trilogie - entwirft Dilthey eine Tragödie antiken Ausmaßes, ein Frauendrama über unverschuldetes Schuldigwerden und wählt zugleich eine Bildsprache, die sich antipodisch zum Stoff verhält, weil sie alles Dramatische durch ihren minimalistischen Ansatz in verfremdender Weise entdramatisiert: das vermeintlich Dramatische wird zum quälenden Normalfall im kleinbürgerlichen Alltagstrott herabgestuft.
Als sei es das Normalste der Welt, erduldet hier die Pfarrersfrau Lena die Knechtschaft ihrer Ehe, und um ihrer öden Existenz wenigstens eine Spur von Perspektive abzuringen, hält sie es für legitim, einen Mörder zu decken. Was den Film von vielen anderen deutschen Produktionen unterscheidet, ist schlicht dies: er verfügt über ein klares Konzept für die Elemente, aus denen sich visuelles Erzählen zusammensetzt.
Stuttgarter Zeitung, Thomas Basgier, 13.5.04



Schwaben können so grausam sein -
Iain Diltheys preisgekrönter Festivalhit "Verlangen" kommt endlich in die deutschen Kinos
Diese Zeilen handeln von einem jungen Deutschen, dem mit 30 gelang, wonach die meisten Regisseure ein Leben lang vergeblich streben, nämlich eines der großen Festivals zu gewinnen. Nein, nicht Fatih Akin, seit der Berlinale in aller Munde, sondern Iain Dilthey, der im August 2002 in Locarno den Wettbewerb für sich entschied, und dessen Name trotzdem kaum einem Kinogänger vertraut ist.

"Das Verlangen" ist ein kleiner Film, selbst nach deutschen Maßstäben. Es ist erst sein Abschluss an der Filmakademie Baden-Württemberg und doch bereits Ende einer Trilogie (nach dem Kurzfilm "Sommer auf Horlachen" und seinem ersten Spielfilm "Ich werde dich auf Händen tragen"). Der Etat betrug 200 000 Euro, gedreht wurde knappe drei Wochen auf sparsamem 16-Millimeter-Material. Was er mit einem größeren Budget anders gemacht hätte, wurde Dilthey gefragt, als er den Goldenen Leoparden in Händen hielt, und er sagte: "Nichts".

Filmemacher sollten sich nicht freiwillig zu Armenhaus verurteilen, aber Diltheys Themen und seinem Stil steht das Wort "Kargheit" eingeschrieben. Dem gebürtigen Schotten hat es die deutsche Provinz angetan, die abgelegenen Höfe und aussterbenden Dörfer. "Sehnsuchtstrilogie" hat er die drei Filme getauft, und seine Sehnsüchtigen sind Frauen: die zurückgebliebene Anna (in "Sommer"), das Waisenkind Ramona ("Auf Händen") und jetzt die Pfarrergattin Lena.

Alle sind gefangen in einer rückständigen Welt, die man kaum mehr als gegenwärtige erkennt. Wären in "Das Verlangen" nicht die Autos, man könnte sich in den Fünfzigern wähnen, der Alltag, die Moral, die Lebensperspektive, alles ist einschnürend eng.

Lena hat ihr langes, blondes Haar zum strengen Knoten gebunden und trägt ein hoch geschlossenes Kleid mit weißem Kragen. Sie belegt dem Pastor das Brot, kauft ein, pflegt die tyrannische Schwägerin und nachts schiebt sich ihr Mann nackt auf sie und verschafft sich Befriedigung. Da verfault jemand innerlich wie die Bürger bei Chabrol, aber Lena besitzt nicht einmal den Trost großbürgerlichen Luxus', sondern ist auch noch mit der Genügsamkeit des schwäbischen Protestantismus geschlagen.

Aus manchen Sackgassen führt nur Gewalt, und hier ist es der Mord an einem Mädchen, der die Erstarrung sprengt. Lena beschließt, die Schwägerin nicht mehr zu pflegen, spaziert mit einem Automechaniker durchs Dorf und verweigert sich im Bett ihrem Mann, zum allerersten Mal.

Iain Dilthey verleugnet seine Vorbilder nicht. Von Bergman das Milieu, von Strindberg die Zentrifugalkräfte der Ehe, von Chabrol die Unausweichlichkeit der tödlichen Entladung. Und Dreyers Methode, die Intensität aus Gesten, aus Haltungen und aus Blicken statt aus Worten und Handlungen bezieht.

Das wirkt streng, kühl, unerbittlich und suggeriert eine Objektivität, wie sie im Jungen Deutschen Film sonst nur Christian Petzold herzustellen vermag. Auch Dilthey geht aus den Metropolen hinaus in die (Un-)Tiefen der Republik und erzählt keine generationstypischen Geschichten, sondern Ausnahmefälle.
DIE WELT, Hanns-Georg Rodek, 13.5.04



In diesen Wochen ist mit „Das Verlangen" ein bemerkenswerter deutscher Film mancherorts ins Kino gekommen. „Das Verlangen" hält in strenger Kühle den Zuschauer auf Distanz. Er endet in einer plötzlichen Gewalttat und erklärt nichts. Aber er packt. Iain Dilthey, Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg, erzählt von der dumpfstummen Ehe einer schwäbischen Pfarrersfrau, in deren Alltag und Allnacht zwischen Brotschmieren, Beten und Beischlafpflichten plötzlich die Liebe einbricht. Oder eher: ein Verlangen endlich nach Leben. Wie es aufbricht und wieder totgetreten wird, ist Gegenstand einer disziplinierten und faszinierenden Versuchsanordnung, die sich ihrer Künstlichkeit stets bewusst ist: „Das Verlangen" ist ein universelles Exempel aus der deutschen Herzlosigkeitsprovinz. Ein Armutszeugnis für unsere so metropolitane Kinolandschaft, dass man diesen kleinen, großen Film in Berliner Kinos noch nicht sehen kann.
Der Tagesspiegel, Jan Schulz-Ojala, 27.5.04



Iain Dilthey unternimmt Erkundungen ins gesellschaftliche Abseits, auf jenes Terrain der bürgerlichen Gesellschaft, das geprägt wird von grotesker, grausamer Stagnation. Er lässt die Zeit einfrieren, er macht die Monotonie zu einer Art production value und filmt mit einer Unerbittlichkeit, mit einer kühlen Objektivität, die manche an Bunuel, manche an Brecht oder Dreyer erinnern mag.
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Äußerst trostlos ist das Leben der Pfarrersfrau Lena in Iain Diltheys "Das Verlangen". Ihr Gatte ist ein derart fies-despotischer Patriarch, wie man ihn zuletzt vielleicht in schwedischen Filmen der fünfziger Jahre gesichtet hat.
Süddeutsche Zeitung



" Das Verlangen" ist ein wuchtiger Film, ohne Schauwert, mit spärlicher Musik und sparsamen Kamerabewegungen. Manchmal ist die Stille kaum auszuhalten. Kein Aufbruch, kein Ausbruch - aber wer Augen im Kopf hat, sieht das Drama der Einsamkeit hinter den asketischen Bildern. Der goldene Leopard ist eine mutige Entscheidung für einen mutigen, streitbaren Film. Sage noch mal einer, das deutsche Kino habe im Ausland keinen Erfolg.
Tagesspiegel, 12.08.02



" Das Verlangen" schwelgt zu sehr im Trostlosen, doch auch wer die tickenden Uhren, kargen Mahlzeiten und erstarrten Mienen des Films übertrieben findet, muss seine Formstrenge und Intensität bewundern.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.02



Der beste Film gewann. "Das Verlangen" war im qualitativ hochstehenden Wettbewerb der reifste Beitrag.
Der Blick (CH), 12.08.02



Packend, ja nachgerade beklemmend in seiner Stille war der deutsche Wettbewerbsbeitrag, der verdientermaßen den Goldenen Leoparden zugesprochen erhielt. Das sparsam inszenierte Beinah-Kammerspiel besticht durch eine glaubhafte Hauptdarstellerin (Susanne-Marie Wrage), in deren Gesicht die Spuren häuslicher bzw. verwandtschaftlicher Erniedrigung deutlich ablesbar sind.
MZ (CH), 12.08.02



Die exakte Milieuschilderung, das hermetische Dasein in einer kleinen, wertkonservativen Welt und das eruptive Hochgehen der Triebe durchweht die hitzige Kälte einer Fassbinders.
Neue Luzerner Zeitung (CH), 12.08.02



Das ist Balsam für die Kinoseele des international so gering geschätzten deutschen Kinos: Zum ersten Mal seit 16 Jahren hat wieder ein deutscher Film den Hauptpreis eines der wichtigen A-Festivals gewonnen: Iain Diltheys "Das Verlangen" erhielt den Goldenen Leoparden bei den 55. Festspielen zu Locarno.
Diltheys langsamer, ohne jeglichen Technik- oder Schnittschnickschnack erzählter Studien-Abschlussfilm baut eine erdrückend-erstickende Atmosphäre auf, die sich nur auf eine Weise entladen kann - in Gewalt.
Die Auszeichnung beendet eine lange Durststrecke für deutsche Filme auf dem internationalen Parkett. Man muss sich schon an die erste Hälfte der Achtziger erinnern, um deutsche Gewinner auf den wichtigsten Festivals zu finden. In Venedig gab es gleich zweimal hintereinander deutsche Sieger (1981 Margarethe von Trottas "Die bleierne Zeit" und 1982 Wim Wenders ' "Der Stand der Dinge"), in Cannes gewann 1984 Wim Wenders mit "Paris, Texas", und den letzten Heimsieg bei der Berlinale landete 1986 Reinhard Hauffs "Stammheim".
Hanns-Georg Rodek, Berliner Morgenpost



Geradezu asketisch im Schweigen einer protestantischen Pfarrhausehe wird diese nordische Schwerblütigkeit in der Triebstau-Entladung "Das Verlangen" von Iain Dilthey zelebriert: Die Langsamkeit und die Sprachlosigkeit als intensives Stilmittel, die Umkehrung der caritativen Berufspflicht in die naive Bösartigkeit wie ein lautloses Menetekel.
AZ, Ponkie, 06.07.2002



In Iain Diltheys "Das Verlangen" ordnet sich die Pfarrersfrau Lena allem unter: ihrem kaltherzigen Ehemann und seinen Wünschen, dem Gesellschaftskodex des Dorfes und der miesepetrigen Schwägerin. Das Gesicht der exzellenten Schauspielerin Susanne-Marie Wrage bleibt bei allen diesen täglichen Schikanen unbewegt, und oft spielt sogar noch ein sanftes Lächeln um ihre Mundwinkel.
Münchner Merkur, 02.07.2002



Mit fast Haneke-hafter Stilisierung zeichnet Dilthey die zerstörerische Leidenschaft zwischen einer Pfarrersfrau und dem Dorfmechaniker, die in einer Katastrophe endet. Susanne-Marie Wrage als in Sprachlosigkeit erstarrte Frau gehört wohl zu den Entdeckungen des Filmfests München.
Blickpunkt: Film Spezial 24.06.2002



WEITERE STIMMEN
"Das Verlangen" ist die Geschichte einer Befreiung. Die verschlossene Pfarrersfrau Lena lebt mit ihrem despotischen Mann Johannes in einem Dorf irgendwo am Rande des schwäbisch-fränkischen Waldes. Lenas Alltag ist eintönig: ein Leben zwischen Krankenpflege, Orgeldienst und kaum freiwilligem Beischlaf. Erst als Lena den Mechaniker Paul kennenlernt, wächst eine zarte Pfanze der Zuneigung, nach der sie sich so lange gesehnt hat. Diese Begegnung ist der Beginn einer Emanzipation, die Lena dazu bringt, Pauls Geheimnis im Zusammenhang mit den mysteriösen Mädchenmorden im Dorf zu decken.
Iain Dilthey hat mit "Das Verlangen" seine Sehnsuchtstrilogie vollendet. Deren erster Teil, ein Kurzfilm, trug den Titel "Sommer auf Horlachen". Der zweite Teil, der Spielfilm "Ich werde Dich auf Händen tragen", war schon letztes Jahr im Wettbewerb in Locarno zu sehen. Was für ein wunderbarer Preis! Für einen Film, der das Publikum und die Fachpresse - auch in Locarno - durchaus polarisiert. Endlich ein grosser Preis eines A-Festivals für Deutschland und eine mutige Entscheidung der Jury. Darin das "erlösende Moment in einem langjährigen Trauma des jungen deutschen Films" zu sehen - wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, ist vielleicht ein wenig zu groß gedacht. Wir sehen in "Das Verlangen" zunächst einen ungewöhnlichen Film, der abseits der vielberufenen Erfolgskriterien entstand, konsequent im künstlerischen Ausdruck wie im Einsatz seiner ästhetischen Mittel. Ein Film, der keine Rückbesinnung oder Referenz auf die verloren geglaubten grossen Vorgänger des deutschen Films braucht, um ihm ein Selbstbewußtsein zu geben.
Dieser Film ist eine markante Farbe unter vielen anderen, wie sie vor allem von jungen Regisseuren in diesem Land artikuliert wird. So soll dieser Film mit dazu beitragen, eine Diskussion in Gang zu setzen, in der es um eine Selbstbestimmung des jungen deutschen Films gehen sollte - vielleicht eine Weile noch jenseits der Marktmechanismen und den z.T. undifferenzierten Erwartungen der nationalen Filmkritik. Das wünschen wir uns und darin sehen wir die Verantwortung, die uns mit diesem Preis anvertraut wurde.
Gerd Haag, Tag/Traum Filmproduktion, Koproduzent



Leo für Ludwigsburg!
Ein schwäbischer Schotte macht den deutschen Filmsommer: nach jahrelangem Jammern über die ausbleibenden Festival-Ehren für das Kino made in Germany gelang nun dem 31jährigen Iain Dilthey der große Coup: der Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie holte mit seinem Diplomfilm "Das Verlangen" den "Goldenen Leoparden" beim Filmfestival von Locarno, "ein erlösendes Moment in einem langjährigen Trauma des jungen deutschen Kinos" wie die "Süddeutsche Zeitung" jubiliert. - Dass damit nach Jahren erstmals wieder ein deutscher Film auf einem A-Festival den Hauptpreis bekommt, ließ die "SZ" optimistisch fragen: "Ist der Bann gebrochen? ... Ein Goldener Leopard für einen deutschen Wettbewerbsfilm... ,"Das ist schon ein Wahnsinn, damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet" gibt sich der Schotte bescheiden. Dabei ist der einstige Chemie- und Pharmaziestudent, der seit 1997 in Ludwigsburg bei Tom Toelle und Nico Hofmann das Fach Szenischer Film studiert, diverse Ehren längst gewohnt. Schon im Februar bekam er für sein Skript gemeinsam mit Silke Parzich von Staatsminister Christoph Palmer den Baden-Württembergischen Drehbuchpreis. Beim Filmfest München
wurde das Drama für den Deutschen Förderpreis nominiert, am 26.August könnte der "First Steps"-Nachwuchspreis locken und danach will man auch noch beim Festival von Montreal ins internationale Rennen gehen. Eine erstaunliche Bilanz für einen Film, der ganz bewusst auf das Stille und Bilder setzt. Der Locarno-Gewinner, der vom Ludwigsburger Filmstudenten Till Schmerbeck produziert wurde, ist der letzte Teil von Diltheys Sehnsuchtstrilogie, die mit "Sommer auf Horlachen" im Jahr 1999 begann und ein Jahr später mit "Ich werde dich auf Händen tragen" (beide in Hof zu sehen)
fortgeführt wurde. In "Das Verlangen" erzählt er nun die Geschichte von Lena (Susanne-Marie Wrage), der Frau des despotischen Dorfpastors, die eine trostlose Ehe führt, in eintöniger Pflichterfüllung. Ein mysteriöser Mord an einem Mädchen bringt den Alltag aus der Bahn. Denn nun entwickelt Lena Gefühle zum Mechaniker Paul - doch der scheint in den Mord verwickelt. Das bildstarke Drama, das ursprünglich nur für das Fernsehen gedacht war, soll durch den "Leoparden" nun auch den Weg in die hiesigen Kinos finden.
Dieter Oßwald, 13.8.02
, www.programmkino.de